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Das Recht des
Kindes auf eine
gewaltfreie
Erziehung

Überlegungen aus der Kinderschutzpraxis zum Gesetz zur Ächtung der Gewalt in der Erziehung

1. Gesetzestexte

Bürgerliches Gesetzbuch

Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.

Neufassung des § 1631, Abs. 2 des BGB im Jahr 2000
Kinder- und Jugendhilfegesetz (Sozialgesetzbuch VIII)

§16 Allgemeine Förderung der Erziehung in der Familie

(1) Müttern, Vätern, anderen Erziehungsberechtigten und jungen Menschen sollen Leistungen der allgemeinen Förderung der Erziehung in der Familie angeboten werden. Sie sollen dazu beitragen, dass Mütter, Väter und andere Erziehungsberechtigte ihre Erziehungsverantwortung besser wahrnehmen können.)

Sie sollen auch Wege aufzeigen, wie Konfliktsituationen in der Familie gewaltfrei gelöst werden können.

Ergänzung des §16.1 KJHG

2. Argumente für eine gewaltfreie Erziehung

Mit dem Gesetz zur Ächtung der Gewalt in der Erziehung wird der Würde des Kindes und seinem Recht auf körperliche und seelische Unversehrtheit Rechnung getragen und ein gesellschaftliches Leitbild der Achtung und Fürsorge für Kinder verankert. Wir gehen davon aus, dass diese Verankerung eine bedeutsame Orientierungsfunktion gewinnt. Insbesondere die Erläuterung im Gesetzesentwurf: „Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Erziehungsmaßnahmen, auch solche zum Zwecke der Erziehung, werden für unzulässig erklärt.“ kann eine klarere Haltung in der Erziehung und in der Einstellung zur Gewaltanwendung gegen Kinder bewirken. Denn hiermit ist auch die Ächtung der „erzieherisch“ gemeinten körperlichen Strafe, des Bloßstellens oder Herabwürdigens oder der Vernachlässigung von Kindern gemeint Die Ambivalenz in unserer Gesellschaft in Hinsicht auf elterliche Erziehungsgewalt wird damit rechtlich beendet. Ein wesentliches Argument liegt in den gravierenden Folgen von Gewalterfahrungen:für die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern. In unserer alltäglichen Erfahrung mit betroffenen Kindern und Familien stellen wir immer wieder fest, was auch zahlreiche Untersuchungen belegen: Seelische Verletzungen und körperliche Strafen zerstören oder beeinträchtigen das Selbstwertgefühl des Kindeserhöhen die Aggressivität verringern die Fähigkeit, sich in andere einzufühlenverhindern die Ausbildung von Rücksichtnahme und gewaltfreien Konfliktlösungenschränken eigenständige Entwicklungen einbehindern Gewissensbildungführen zu erhöhter Gewaltbereitschaft als Lösungsmuster von Konflikten.Damit liegt in der Ächtung der Gewalt in der Erziehung auch ein wesentlicher präventiver Aspekt für die Verhinderung von Gewalt in der nächsten Generation, für die Unterbrechung des sogenannten „Kreislaufes der Gewalt“.Ein weiteres Argument für eine gewaltfreie Erziehung sehen wir darin, dass Bestrafungen immer das Risiko der Eskalation bergen. Eltern sehen dieses Risiko oft nicht oder zu spät. So versuchen Eltern z.B., ihren Säugling oder ihr Kleinkind mit einem Klaps vor Gefahren zu schützen, und bemerken dann nicht mehr als Problem, wie der Klaps zu einer gewohnten Reaktion wird und bei gegebenem Anlaß zu heftigeren Schlägen führt.Erfahrungen mit den Auswirkungen einer entsprechenden gesetzlichen Regelung in Schweden, die seit 1979 in Kraft ist, weisen darauf hin, dass sich durch eine gesellschaftliche Ächtung tatsächlich die Einstellung gegenüber Gewalt in der Erziehung, insbesondere gegenüber körperlicher Bestrafung, verändern kann. Studien zeigen einen starken Rückgang der Anwendung elterlicher Gewalt in Schweden von 1979 bis heute.Gewaltfreie Beziehungen stellen eine wesentliche Bedingung für positive Entwicklungen des Kindes, für die Ausbildung von Mitgefühl und Eigenständigkeit, für die Fähigkeit zum Aushandeln und Abstimmen dar. Ein intendierter erzieherischer Effekt kann durch körperliche Strafen, seelische Verletzungen und Bedrohungen von Kindern nicht erreicht werden, im Gegenteil die Kinder werden oft noch schwieriger. Das äußerste, was sich dadurch erreichen lässt, ist, dass Kinder sich angepasst verhalten aus Angst vor der Strafe, nicht aber aus Verständnis oder Rücksichtnahme für andere.

3. Hintergründe erzieherischer Gewalt

Aber gewaltfreie Erziehung ist keine leichte Aufgabe: Einerseits wird von Eltern viel/ zu viel erwartet, um ihre Kinder auf eine immer komplexer werdende Welt vorzubereiten. Trotz vielfacher Einflüsse von Medien und Umwelt werden bei auftretenden Problemen immer noch an erster Stelle die Eltern verantwortlich gemacht. Das setzt viele Eltern unter Druck.Andererseits sind viele Eltern belastet und alleingelassen: Kinder zu haben stellt für viele eine finanzielle und soziale Belastung dar; angesichts vieler Ratgeber und weniger praktischer Vorerfahrung z.B. mit kleinen Kindern sind viele Eltern unsicher, wie sie mit ihrem Kind umgehen sollen, wie viele Grenzen sie ihm setzen müssen und wie sie es fördern. Je höher die Belastung, umso höher ist oft der Selbstanspruch, auch mit schwierigen Familiensituationen ohne Hilfe fertig zu werden. Damit erhöht sich das Risiko, Kinder auch mit Gewalt zum erwarteten Verhalten bringen zu wollen.

Wie auch unsere Erfahrungen im Kinderschutz-Zentrum zeigen, gibt es zwei grundlegend verschiedene Ausgangssituationen für die Anwendung von Gewalt im Eltern-Kind-Verhältnis, die auch verschiedene Antworten erfordern: Viele Eltern halten nach wie vor körperliche Strafen sowie andere Formen „erzieherischer Gewalt“ in bestimmten Zusammenhängen für ein angemessenes Erziehungsmittel. Sie sind davon überzeugt, dass diese Maßnahmen ihrem Kind helfen, die richtigen Normen und Werte zu entwickeln und sich in die Erwachsenenwelt einzuordnen. Häufiger geraten Eltern durch Belastungs- und Überforderungssituationen in die Lage, dass sie ihr Kind aus Hilflosigkeit, Ohnmacht oder Wut ohrfeigen, anschreien o.ä.Wie andere Jugendhilfeeinrichtungen registrieren wir einen gestiegenen Bedarf nach Unterstützung in eskalierenden Konflikt- und Gefährdungssituationen von Kindern und ihren Familien. Die Gründe für den gestiegenen Bedarf sehen wir zum einen in sich verschärfenden sozialen und wirtschaftlichen Belastungen (Arbeitslosigkeit, Kinderarmut), zum anderen in einer höheren Sensibilität der Eltern und ihrer gewachsenen Bereitschaft, Hilfe anzunehmen..In die Gefahr der Überforderung geraten insbesondere sehr junge Eltern, Paare in einer instabilen Beziehung oder Alleinerziehende. Heutige junge Eltern haben vielfach als Kinder nicht mehr die Erfahrung des Aufwachsens mit mehreren Geschwistern in der Familie gemacht und haben vor der Geburt ihres Kindes das Leben und den Umgang mit Kindern selten alltäglich erlebt .Erschwerend für die Übernahme elterlicher Verantwortung wirkt sich aus, wenn Eltern keinen Rückgriff auf eigene positive Bindungserinnerungen haben und selbst in ihrer Kindheit Vernachlässigung und Gewalt erlebt haben.

4. Flankierende Maßnahmen und Hilfen

Eltern sollen nicht kriminalisiert werden, vielmehr sollen ihnen Informationen und Hilfen zur Verfügung gestellt werden, um sie ihrer Erziehungsverantwortung zu stärken und Wege zu gewaltfreier Erziehung aufzuzeigen. Das Gesetz hilft an dem Punkt weiter, an dem es darum geht, den Bewußtseinsprozess von Eltern zu fördern, d.h. durch Information und Aufklärung ganz deutlich zu machen, dass jede Form von erzieherischer Gewalt gegen Kinder gesellschaftlich abgelehnt wird, warum auch ein Klaps schadet und welche Formen des gewaltfreien Umgangs es gibt.Bei schwerwiegenderen Belastungssituationen kann eine Begleitung und Beratung durch Hilfeangebote der Jugendhilfe weiterhelfen. Sind es extreme Belastungssituationen, die zu elterlicher Gewalt führen, reichen Angebote der Kinder- und Jugendhilfe allein nicht aus. Es bedarf weiterhin parallel zu dieser Entwicklung sozialpolitischer Entscheidungen, um soziale und wirtschaftliche Belastungen von Familien mit Kindern zu reduzieren und auszugleichen und das Leben mit Kindern zu fördern und zu erleichtern.

4.1 Information und Öffentlichkeit, begleitende Maßnahmen

Neben einer Bekanntmachung des Gesetzes und seiner Konsequenzen plädieren wir für eine öffentliche Behandlung von Erziehungsfragen (z.B. was brauchen Kinder in welchem Alter an Fürsorge und Pflege, welche Handlungsalternativen haben Eltern bei Konflikten, wie können und müssen Kindern Grenzen gesetzt werden, wie Beteiligungsmöglichkeiten eröffnet, welche positiven Körperkontakte brauchen Kinder und wie kann man ihre Signale zum Schutz ihrer Grenzen verstehen, wie werden Werte und Normen vermittelt?) Fernsehen, Tagespresse und Hörfunk erscheinen dafür besonders geeignet.In weitaus verstärktem Maße müssen Information und Hilfen für Schwangere und junge Eltern angeboten werden. In der Frühzeit der Elternschaft geht es meist um das Stellen positiver Weichen und nicht um eine Änderung eingefahrener Verhaltensmuster. Hinzu kommt, dass Eltern zu dieser Zeit oft hochmotiviert sind und dass das Familiensystem relativ offen ist.Die Diskussion über Erziehung sollte nicht auf Erwachsene beschränkt bleiben, die bereits Kinder haben. Deshalb sollten Fragen von Erziehung und Elternschaft bereits als Thema in der Schule für Jugendliche behandelt werden.

4.2 Hilfe statt Strafe: Maßnahmen der Kinder und Jugendhilfe

In der Begründung zum Gesetz wird ausdrücklich der Grundsatz Hilfe statt Strafe betont. Damit wird auf das Leitbild heutiger Kinder- und Jugendhilfe verwiesen, wie es auch im Kinder- und Jugendhilfegesetz festgehalten ist. Die Hilfeorientierung hat ihre Grenzen erst dort, wo Eltern trotz nachhaltiger Bemühungen der Kinder- und Jugendhilfe Hilfe für ihr Kind und sich selbst ablehnen oder wo die Maßnahmen der Jugendhilfe nicht greifen, obwohl die Problemlage für das Kind gravierend ist. Die Hilfeorientierung spielt gerade in diesem Zusammenhang eine große Rolle, weil Eltern ja auch in der Hilfebeziehung modellhaft gezeigt werden soll, wie Beziehungen zwar mit klaren Vorgaben aber ohne Willkür und Gewalt gestaltet werden können. Mit der Verabschiedung des neuen Gesetzes ist der Beratungsbedarf gestiegen. Auch vorher war es Auftrag vieler Institutionen der Kinder- und Jugendhilfe wie Jugendamt/ Allgemeiner Sozialer Dienst, Erziehungsberatungsstellen, Kinderschutz-Zentren etc., Eltern in Konflikt- und Krisensituationen Wege zu gewaltfreien Lösungen aufzuzeigen und sie in der Entwicklung ihrer Elternkompetenz zu stärken. Oft war es dann aber bereits zu einer Eskalation der Gewalt gekommen. Nun ist es verstärkt notwendig geworden, Eltern bereits vor einer Eskalation Wege aufzuzeigen, wie sie Kinder gewaltfrei erziehen können und welche Krisen drohen.Um eine Veränderung des Bewusstseins und der Erziehungspraxis zu bewirken, braucht es daher vor allem leicht zugängliche Hilfen, von nachbarschaftlicher oder ehrenamtlicher Unterstützung und Selbsthilfe zu professionellen Beratungsangeboten, von Hilfen in der frühen Kindheit zu Elterntrainings.

Renate Blum-Maurice
Kinderschutz-Zentrum Köln
2001